Wohnprojekt am Speicherbogen – ein urbanes Dorf in Lüneburg

Schon das Richtfest an der Elisabeth-Maske-Straße im Speicherquartier gestaltet sich etwas anders, als ich es kenne: Ungewöhnlich viele Besucher sind mit dem Fahrrad angereist. Aus dem Inneren des noch mit Planen verhüllten Gebäudes klingen jazzig-poppige Töne nach außen. Auffallend auch die große Anzahl der Zimmerleute. Aber eigentlich ist das kein Wunder, denn dieses Gebäude wird in Holzbauweise erstellt.

Die Bauweise ist aber nicht das einzig Ungewöhnliche an diesem Projekt: Hier baut eine Baugemeinschaft mit der Zielsetzung „umweltfreundlich, wohngesund und generationenübergreifend“. Die Mitglieder der Baugemeinschaft kennen sich mittlerweile schon ganz gut und lernt sich im Laufe des Planungs- und Bauprozesses noch besser kennen. 17 Parteien unter zwei Dächern. 50 Personen im Alter von zwei bis 78 Jahren. Und jeder hat eine Meinung, die er in das Projekt einbringt. Das stelle ich mir schwierig vor. „Dafür haben wir das Planungsbüro“, erläutert Thomas Eyck, der mit seiner Frau Carola und dem dreijährigen Sohn hier einziehen wird. Die Mitarbeiter der planW GmbH moderieren die regelmäßig stattfindenden Treffen der Baugemeinschaft und fungieren auch schon mal als Mediatoren, wenn es nötig ist. „Die Treffen laufen immer sehr diszipliniert ab“, erzählt der gebürtige Rostocker, der zurzeit noch in Hamburg wohnt.

„Unsere Architekten und Planer haben es nicht immer leicht mit uns!“, räumt Ulrich Adolphi, der mit seiner Frau Anke zu den Gründungsmitgliedern gehört, in seiner Ansprache ein. Denn nicht nur viele Meinungen prallen hier aufeinander. Auch hat jede der 19 Wohnungen einen anderen Grundriss und es gibt nicht nur 90 Grad-Winkel. Das erklärt sich alleine schon durch die geschwungenen Fronten der beiden Hauptgebäude, die einer alten Bahnlinie folgen, die einst durch das Quartier verlief. Dabei wirkt das Architekten-Team mit Dirk Scharmer (Deltagrün), Maike Möhring und Stephan Seeger (arch.tekton) eigentlich ganz entspannt, als sie sich bei allen Beteiligten für die gute Zusammenarbeit bedanken.

Ein Beispiel an LeNa genommen

Es ist nicht das erste gemeinschaftliche Wohnprojekt in Lüneburg: Bereits 2015 zogen die Mitglieder der Gruppe LeNa – das steht für Lebendige Nachbarschaft – am Brockwinkler Weg ein. Die Kombination aus gemeinschaftlichem Wohnen und strohgedämmter Holzständerbauweise ist jedoch einzigartig in Lüneburg und derzeit die größte Wohnanlage in dieser Bauweise in Deutschland. Die Holzgestelle werden vorgefertigt und dann mit gepressten Strohballen gefüllt. Das Ganze wird anschließend von außen mit Kalk und von innen mit Lehm verputzt. Die Bauweise hat viele Vorteile: zum einen handelt es sich bei den verwendeten Baustoffen – bis auf die Bodenplatte und den Fahrstuhlschacht – weitestgehend um nachwachsende Rohstoffe. Zum anderen haben die Materialien hervorragende Dämmeigenschaften und sorgen für ein gesundes Raumklima – nicht zu feucht und nicht zu trocken. Trotz dieser ungewöhnlichen Bauweise werden die Brandschutzrichtlinien selbstverständlich eingehalten – und die sind in Deutschland bestimmt sehr streng.

Die Bauweise kannst Du auf den folgenden Fotos sehr gut erkennen.

Fotos: Thomas Eyck

Nicht nur mehrere Generationen sind hier vertreten, sondern auch zahlreiche unterschiedliche Talente. So verwundert es nicht, dass die drei Musikerinnen der Band Melon Sound, die das Richtfest musikalisch begleiten, quasi aus den eigenen Reihen stammen. Auch das Buffet, das größtenteils aus selbstgemachten Köstlichkeiten besteht, gestaltet sich vielfältig, von traditionell bis vegan – ergänzt um Leberkäse vom Caterer, damit auch die Handwerker satt werden.

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Die Band „Melon Sound“

Der Richtspruch des Zimmermanns fällt dann aber doch ganz traditionell aus. Auf das gute Gelingen trinken alle Zimmerleute ein Glas Schnaps und schmeißen anschließend die Flasche vom Dach, die sogleich in tausend Scherben zerfällt – und die bringen ja bekanntlich Glück.

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Ein Prost auf den fertiggestellten Rohbau!
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Planer, Architekten und Zimmerleute sind offenbar zufrieden mit ihrem Werk.

Wie der Gebäudekomplex einmal aussehen wird, kann man bereits erahnen. Genauere Informationen wie Lageplan, Perspektiven und Grundrisse findest Du auf der Website der Gruppe. Hier kannst Du auch im Bautagebuch aktuelle Fotos vom Baufortschritt sehen. Es entstehen 19 Eigentumswohnungen in einer Größe von 70 bis 180 Quadratmeter. Diese verteilen sich auf zwei Gebäude mit jeweils zwei Etagen zuzüglich Staffelgeschoss, die sich um einen Innenhof gruppieren. An die beiden Hauptgebäude schließt sich jeweils ein Reihenhaus-Komplex an. Zentraler Punkt ist der 70 Quadratmeter große Gemeinschaftsraum.

Das Beste aus beiden Welten

Die Konstruktion erinnere an ein Rundlingsdorf, sagt Ulrich Adolphi. „Wir verstehen uns als ein urbanes Dorf. Wir kombinieren das Beste aus beiden Welten.“ Denn die moderne Infrastruktur wolle man schließlich nicht missen. Die Nähe zum Bahnhof und zur Innenstadt ist ideal – Autos wird man hier sicher in Zukunft nur wenige finden. Das bestätigt auch Michael Beyer-Zamzow von planW. „Den Stellplatzschlüssel für PKW, den uns die Stadt vorgibt, müssen wir natürlich einhalten. Die größere Herausforderung aber wird es, genügend Stellplätze für Fahrräder zu schaffen.“

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Auch Sozial- und Bildungsdezernentin Pia Steinrücke ist mit dem Fahrrad gekommen, um Grußworte der Hansestadt auszurichten. Wohnraum zu schaffen, vor allem bezahlbaren Wohnraum innerhalb der Stadtgrenzen, sei für eine attraktive Stadt wie Lüneburg ein echter Kraftakt, räumt sie ein. Umso mehr begrüße es die Hansestadt, wenn sich tatkräftige Menschen zusammentun, um ihre Vision vom gemeinschaftlichen Wohnen zu verwirklichen und dabei nicht auf Einfamilienhäuser, sondern auf Mehrfamilienhäuser setzen, lobt Pia Steinrücke. Auch sie nimmt die Idee von der „guten alten Dorfstruktur“ mitten in der Stadt auf. Dass die Wohnungen bezahlbar sind, verdanken die Bewohner auch der städtischen Stiftung „Zum Großen Heiligen Geist“, die ihnen das Grundstück zur Erbpacht anbieten konnte.

Gegen Anonymität und Vereinsamung

Die gemeinschaftliche Wohnform wirke mit gegen Anonymität und Vereinsamung, betont Pia Steinrücke, die selbst im benachbarten Hanseviertel wohnt, darüber hinaus. Dass führe zu einer gut funktionierenden Nachbarschaft und dazu, dass Menschen sich mit ihrem Wohnumfeld identifizieren und sich dort engagieren. Das könne sie als Sozialdezernentin nur begrüßen. Der gemeinschaftliche Aspekt spielt in der Tat eine große Rolle bei diesem Projekt. Vor allem der Gemeinschaftsraum hat dabei eine zentrale Funktion. Hier finden bei Bedarf bis zu 50 Personen Platz. So können auch in Zukunft alle Absprachen, die das gemeinsame Wohnen und Leben angehen, getroffen werden. Schon jetzt arbeitet die Gruppe gemeinsam mit den Planern an einer Satzung, die das Zusammenleben regeln soll. So soll dort beispielsweise die gegenseitige Hilfestellung verankert werden. „Wir haben ja auch ältere Menschen und Rollstuhlfahrer in der Gruppe“, erläutert Thomas Eyck das Konzept. Dass die anderen Mitglieder für diese hier und da Einkäufe erledigen oder sie zu einem Arzttermin fahren, gehöre dazu. Zu streng sollen die Regeln aber nicht sein: Thomas Eyck erzählt von einer Wohngemeinschaft, bei der sich ein strenger Veganer weigerte, zuzulassen, dass sein Nachbar Hühner halte. „So etwas streben wir nicht an.“

Dada war Namensgeber

Der Gemeinschaftsraum soll aber auch dazu dienen, sich mit Nachbarn im Umfeld zu treffen. Gleichgesinnte werden schon bald in der Nachbarschaft einziehen: Am Meisterweg sind bereits zwei ähnliche Projekte in Planung.

Besonders originell finde ich übrigens die Namensgebung der beiden Gebäude: Hier war offenbar ein Fan des Dadaismus am Werk. Nach dem Gedicht von Kurt Schwitters wurden die beiden Häuser „Anna“ und „Blume“ getauft. Das ist jetzt nicht gerade Mainstream. Aber den Song ANNA von Freundeskreis aus dem Jahre 1996, der auf dieses Gedicht Bezug nimmt, kennst Du vielleicht. Und ich finde ihn immer noch großartig!

Wie war das da bei Dada
Du bist von hinten wie von vorne A N N A

Auch die Landeszeitung hat kürzlich ausführlich über das Projekt berichtet. Diesen – zugegebenermaßen hervorragenden – Beitrag möchte ich Dir nicht vorenthalten.

Bist Du neugierig geworden? Suchst Du vielleicht noch eine Eigentumswohnung und kannst Dir vorstellen, dass Du gut in die Gemeinschaft passen würdest? Zwei Wohnungen sind noch frei. Sie eignen sich von Größe und Schnitt her besonders für Familien mit Kindern. Im Frühjahr 2019 soll der Wohnkomplex bezugsfertig sein. Die Kontaktdaten findest Du auf der Website. Ich freue mich über jeden netten neuen Nachbarn, denn vom Speicherquartier zum Hanseviertel ist es ja schließlich nur ein Katzensprung.

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