Wenn andere noch schlafen – morgens um fünf auf dem Lüneburger Wochenmarkt

Ich bin zu spät. Sie haben schon ohne mich angefangen. Dabei bin ich für mein Gefühl mitten in der Nacht aufgestanden: um 4.30 Uhr ging der Wecker. Katzenwäsche, rein in die Klamotten und rauf aufs Fahrrad. Als ich den Bahnhof passiere, fährt dort gerade der ICE 581 ein. In fünf Stunden und 42 Minuten wäre ich in München. Aber wer will das schon.

Stattdessen treffe ich Punkt fünf mit dem Glockenschlag der Rathausuhr am Marktplatz ein. Die ersten Stände auf dem Lüneburger Wochenmarkt sind bereits aufgebaut. Gleich vorne gegenüber Karstadt sind die besten Plätze. Das ist zumindest mein Eindruck, da ich immer von hier komme, wenn ich auf den Markt gehe: Links Gemüseanbau Wilkens, rechts der Obsthof Meyer, dazwischen Gemüsemeyer. Ob die Meyers verwandt sind? Aber Meyer ist ja in Deutschland so etwas wie ein Sammelbegriff.Die Sackkarren machen ganz schön Lärm auf dem Kopfsteinpflaster. Auch Akkuschrauber kommen zum Einsatz. Würde ich hier wohnen, wäre ich wohl genervt – oder müsste zwangsläufig mittwochs und samstags zum Frühaufsteher werden. Darauf muss man sich wohl einstellen, wenn man in bester zentraler Innenstadtlage wohnt. Genau wie die Anwohner am Stintmarkt, die unter dem Lärm der Kneipen leiden – ein Dauerthema in Lüneburg.

Geredet wird nicht viel. Man arbeitet größtenteils schweigend, jeder Handgriff sitzt. Das ist bei mir nicht unbedingt so, als ich mein Stativ aufbaue, das ich selten benutze. Außerdem habe ich kalte Finger. Ein Auto kommt zügig aus der Fußgängerzone und fährt Richtung Bardowicker Straße. Das war sicher kein Lieferverkehr. Die Rathausuhr schlägt 5.15 Uhr.

P1100672
Der Luna-Brunnen ist an Markttagen kaum zu erkennen.

„Moin! – moin!“ Feinkost Barg, Oliven & Antipasti kommt gerade an, man kennt sich. Auch der Wagen der Rossschlachterei (schreibt man das wirklich mit drei „s“?) steht schon bereit. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas bei uns gibt. Die Bänke vor Schuback sind mir vorher noch gar nicht aufgefallen – sind die neu? Nur selten kommen um diese Zeit Radfahrer und Fußgänger vorbei. Der Wagen von Biohändler Koch öffnet die Klappen. Auch die Bienen-Königin macht sich bereit.

Um 5.30 Uhr sehen die Auslagen von Südfrüchte Bindernagel bereits top aus, die sorgfältig gestapelten Früchte leuchten im Licht der Neonröhren. Gerd Bindernagel hat seinen Stand ganz hinten links, direkt vor dem Rathaus, und möchte nichts aufs Foto. Seit 3 Uhr sei er schon hier. So früh aufstehen, das muss man mögen, sage ich. Habe ich mir ja so ausgesucht, sagt er. Ich mache ein Foto von seinen gepflegten Auslagen, aber ich muss es aus Versehen wieder gelöscht haben. Sehr schade. Am besten, Du schaust es dir selbst einmal an.

P1100660Bei Spargel Heinrich ist gerade mal der Stand aufgebaut. Aber es ist ja auch keine Spargelzeit. Welches Gemüse der Saison kommt hier wohl heute auf die Tische? „Cordes kommt“ steht auf dem großen dunkelroten Wagen. Samstags bilden sich immer lange Schlangen vor dem Stand der Landschlachterei Cordes, das weiß ich aus Erfahrung. Der Wagen muss ein wenig rangieren, bis er auf dem richtigen Platz steht. Für Geflügel empfehle ich übrigens den Geflügelhof Mohrmann. Dort habe ich mal ein richtig gutes Maishähnchen gekauft.

Der Obsthof Marquardt kommt, wie viele hier, aus dem alten Land, aus Jork. Die Seniorchefin steht seit 47 Jahren auf dem Markt. 70 Minuten morgens von Jork nach Lüneburg, mittags 10 Minuten mehr, aber der LKW kennt den Weg, und wir auch, sagt sie. Ich habe ein Angestelltenverhältnis, muss ja alles seine Ordnung haben, sonst kommt der Zoll, hatten wir alles schon. Ist ja eigentlich ein Witz, sagt der Sohn, Mutti darf nicht einfach mal so mithelfen. Vielleicht schauen deshalb einige der Leute etwas skeptisch, als ich über den Platz schlendere und Fotos und Notizen mache. Leere Kisten werden irgendwo scheppernd aufs Pflaster geworfen.

P1100662.JPGKurz vor sechs: www.nudel-on-Tour.de „Delikat essen“ steht auf dem Anhänger. Der VW-Bus muss sehr präzise rangieren. Ich liebe Pasta, aber nicht morgens um sechs. Es sei denn, ich habe die Nacht durchgemacht….. Samstags holen wir uns hier ab und zu frische gefüllte Nudeltaschen zum Mitnehmen, am liebsten mit Salbeibutter, seit wir sie auf dem Weihnachtsmarkt am Alten Kran zum ersten Mal probiert haben. Sehr zu empfehlen, wenn Du einmal keine Lust hast, aufwändig zu kochen.

Es schlägt 6. Jetzt bietet sich insgesamt schon ein ganz anderes Bild, heller und bunter als noch vor einer Stunde. Strampe aus Neetze darf natürlich nicht fehlen. Aber der Lieferwagen holt nur Leergut ab beim Obsthof Meyer, ich bin irritiert. Überhaupt scheinen die hier alle zusammen zu arbeiten: Meyer gibt ein paar Kisten Elstar an seinen Nachbarn Welkens ab. Mir ist kalt.

P1100667P1100668Bei Gemüsemeyer frage ich eine Verkäuferin, ob ich ein Foto machen darf.  – „Herr Meyer, darf die Dame ein Foto machen?“ Sie darf. Mittlerweile hat sich der Platz gut gefüllt. Gurken-Günter hat nur einen kleinen Stand. Ich mag keine Gurken – aber das Schild finde ich originell. Und der Typ muss es auch sein, wie das Foto auf der Website des Lüneburger Wochenmarktes zeigt. Den bekomme ich zu dieser Uhrzeit aber noch nicht zu Gesicht. Viele Marktbeschicker bauen ihren Stand auf und bringen dann offensichtlich erst einmal ihr Liefer- oder Zugfahrzeug weg. Und vielleicht gehen sie dann irgendwo ihren Kaffee trinken.

P1100673Apropos Kaffee: mit Karacho – im wahrsten Sinne des Wortes – und ordentlich Gestank kommt ein dreirädriger Zweitakter angetuckert mit der Aufschrift „Karacho“. Er wird hier später Kaffee und Espresso verkaufen. Ist aber leider noch nicht so weit.

Um 6.15 Uhr fährt auch der Wagen von Backeberg’s Geflügelhof vor. Die Wagen, von denen aus Fleisch, Käse oder Backwaren verkauft werden, brauchen ja nicht so eine lange Aufbauzeit. Auch vor Gemüsemeyer fährt jetzt ein LKW vor, der stellt kleine Anhänger ab, die sind viel schneller aufgebaut als die Stände der Nachbarn, die teilweise aus Klapptischen bestehen. Das ist der Obsthof König, ebenfalls aus Jork, bei dem ich regelmäßig Äpfel und Birnen kaufe. Von außen sehen hinterher alle Stände ähnlich aus. Ich hatte mich schon gewundert, weil hier noch eine Lücke war und ich meinen Stammlieferanten vermisste. Man entwickelt ja mit der Zeit so seine Präferenzen. Überhaupt liebe ich es, am Samstagmorgen auf den Markt zu gehen – leider mache ich es viel zu selten. Die Verkäufer sind immer sehr freundlich und entspannt und für einen kurzen Schnack zu haben.

P1100669Wenn ich frage, ob ich fotografieren darf, heißt es immer: wir sind aber noch nicht fertig! Die Händler legen großen Wert darauf, dass ihre Auslagen einen gepflegten Eindruck machen. Jetzt brauche ich aber doch endlich einen Kaffee und etwas zu essen. Ich hatte ja eigentlich zur Bäckerei Junge An den Brodbänken gehen wollen, weil ich die aus Hamburg kenne und schätze, aber die macht erst um 7 Uhr auf. Bereits seit 6 Uhr hat Bäcker Völsch in der Rosenstraße geöffnet – wieder eine von diesen Straßen in Lüneburg, die alle paar Meter ihren Namen ändert, das ist gleich schräg gegenüber. Der hat in diesem Moment also einen kleinen Wettbewerbsvorteil. Der Cappuccino kostet nur 1 Euro 50, ist aber etwas schlapp. Das Franzbrötchen geht in Ordnung.

Um 6.30 Uhr ist auch bei Lünebuch schon alles hell erleuchtet: Fleißige Reinigungskräfte sorgen dafür, dass bei Ladenöffnung um 9 Uhr alles picobello ist. Welche Kirchenglocke schlägt da eigentlich immer fünf Minuten früher als die anderen?

Die Stadtreinigung ist mit ihren Kehrmaschinen auch schon unterwegs – würde das nicht nach dem Markt mehr Sinn ergeben? Oder fahren die jeden Morgen? Auch gefegt wird fleißig. Mittlerweile herrscht ganz schön viel Verkehr rund um den Rathausvorplatz: Autos, Fahrräder, Busse, das erschwert das Fotografieren. Es wird langsam heller, die Farbe des Himmels geht in ein dunkelblau über, die Sterne sind nicht mehr zu sehen.

Das Markt-Café öffnet zwar erst um 8 Uhr, aber um 6.30 Uhr liegen Pflaumenkuchen und Apfelstreusel bereits appetitlich im Schaufenster. Das Café an der Bardowicker Straße, das von außen etwas altmodisch wirkt, ist ein Geheimtipp eines Lesers, den ich unbedingt noch ausprobieren muss.

P1100680Um 7 Uhr öffnet der Markt offiziell, nun geht es los. Einige Händler sind zwar immer noch mit Aufbauen beschäftigt, aber die ersten Kunden stehen bereit. Manche scheinen sich auf dem Weg zur Arbeit schnell noch ein paar Äpfel kaufen zu wollen. Andere sind bereits mit Einkaufskorb und Hackenporsche unterwegs, bereit für den Großeinkauf. Sonnenaufgang ist heute um 7.34 Uhr. Der Blumenstand hinten rechts zaubert noch einmal einen Hauch von Sommer in den goldenen Oktober.

P1100689Mir ist kalt. Ich schwinge mich aufs Rad, freue mich auf die warme Dusche zuhause und ziehe den imaginären Hut vor den Marktleuten, die bei Wind und Wetter und in aller Herrgottsfrühe draußen stehen.

Vielleicht gönne ich mir heute ein Mittagsschläfchen…..

P1100684P1100685

P.S. Sollte dieser Beitrag mehr Fehler aufweisen als üblich oder ein wenig wirken wie mit der heißen Nadel gestrickt, das hat einen guten Grund: Ich bin seit vergangenen Freitag von dieser knuffigen Fellnase abgelenkt. Unser kleiner Neu-Lüneburger Piet hält mich ganz schön auf Trab. Demnächst gibt es also an dieser Stelle die schönsten Hunderunden von Lüneburg 😉 Vorher steht aber noch Teil 2 des stadtökologischen Rundgangs an. Habt Geduld mit mir!

fullsizeoutput_7f06

 

Ein Kommentar zu „Wenn andere noch schlafen – morgens um fünf auf dem Lüneburger Wochenmarkt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s