Der Wandrahmpark – Lüneburgs Museumsinsel mit Geschichte

Das Museum Lüneburg hatte am vergangenen Freitag zum Pressetermin in den Wandrahmpark eingeladen. Wandrahmpark, wo ist der eigentlich? Google Maps hilft mir da nicht weiter. Aber er soll ja gleich am Museum liegen, und dort gibt es auch die Wandrahmstraße. Ich war noch nie bewusst in diesem kleinen Park. Vielleicht geht es ja vielen Lüneburgern ähnlich. Vielleicht bist Du auch schon, wie ich, hier entlanggeradelt auf dem Weg zu Schröder’s Garten, hast Dir bei der Pferdeskulptur nichts weiter gedacht, Dich dann zwar schon gefragt, was es mit dem Güterwaggon auf sich hat. Aber das Steingrab hast Du höchstwahrscheinlich übersehen. Es wird Zeit, dass dieser kleine Park größere Bekanntheit erlangt. Das dachten sich auch die Verantwortlichen des Museums Lüneburg, der Geschichtswerkstatt Lüneburg e.V. und der Hansestadt Lüneburg.

Was gab es also am vergangenen Freitag Besonderes im Wandrahmpark? Vier Stelen mit insgesamt sechs Hinweistafeln wurden eingeweiht. Die Tafeln erläutern zum einen die drei Objekte und zum anderen den Park als solchen. Aus diesem Anlass war Oberbürgermeister Ulrich Mädge höchstpersönlich zu Gast. „Der Park soll ein Ort des Erinnerns, Gedenkens und Lernens sein“, so Mädge in seiner Ansprache. Ich muss – und möchte – noch viel lernen über die Lüneburger Geschichte. Der Güterwaggon ist wohl das auffälligste der drei Objekte. „Deutsche Reichsbahn“ steht darauf in weißen Buchstaben auf rotbraunem Untergrund.

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Wer, wie ich, in der Schulzeit das 3. Reich mehr als ausführlich behandelt hat, kann sich denken, worum es hier geht. Aber nicht allen geht es so wie mir. „Bei uns in der Schule wurde das Thema völlig ausgeklammert“, erzählt mir später die Museumsmitarbeiterin am Getränkeausschank. Ich bin überrascht. Sie mag vielleicht ein bisschen älter sein als ich, schwer zu schätzen. Aber ja, es gab Zeiten, in denen dieses Kapitel der deutschen Geschichte gerne totgeschwiegen wurde. Und es gibt ja auch heute noch Menschen, die die Verbrechen der Nazizeit leugnen, ich sage nur „Vogelschiss„.

Reichsbahnwaggon als Mahnmal

Im April 1945, so lerne ich nun auf der Informationstafel, starteten vier Güterwaggons beladen mit 389 Häftlingen von Wilhelmshaven zum KZ Neuengamme. 72 von ihnen starben bereits in den ersten Tagen. Bei einem Bombenangriff in Lüneburg kamen 70 weitere ums Leben. Von den verbliebenen Häftlingen wurden 130 ins KZ Bergen-Belsen gebracht. Die übrigen wurden erschossen. Auch wenn ich schon viele dieser Geschichten gehört und gelesen haben, bekomme ich immer wieder Gänsehaut angesichts der unvorstellbaren Verbrechen, die da geschehen sind.

Seit mehr als 30 Jahren setzen sich die Mitglieder der Geschichtswerkstatt Lüneburg e.V. aktiv mit der Geschichte Lüneburgs, insbesondere im Nationalsozialismus, auseinander. 2005 kaufte der Verein den alten Güterwaggon. Von 2013 bis 2015 wurde er dann im Rahmen eines Projektes für Arbeitslose (job.sozial) restauriert. Seit 2015 steht der Waggon nun im Wandrahmpark und ergänzt die Ausstellung zur NS-Zeit im Museum Lüneburg.

Das springende Pferd

Die Aufstellung des Objektes war nicht ganz unumstritten, erzählt Museumsleiterin Prof. Dr. Heike Düselder in ihrer Ansprache. Denn gleich daneben steht die Bronzeskulptur eines springenden Pferdes, die aus dem Besitz des Lüneburger NS-Gauleiters Otto Telschow stammt. „Der Nazigaul muss weg“, hieß es dann auch schnell von einigen Seiten. Prof. Dr. Heike Düselder sieht das anders: „Ich bin strikt dagegen, Denkmäler verschwinden zu lassen.“ Damit aber diese Objekte nun nicht ganz unkommentiert nebeneinanderstehen, gibt es jetzt die Informationstafeln. Deren Erstellung war nicht ganz einfach, räumt die Museumleiterin ein. Schließlich handele es sich um ein sensibles Thema. Dass es daher ein wenig gedauert hat, mag man den Verantwortlichen verzeihen.

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Die Bedeutung von Erinnerungsorten betont auch Oberbürgermeister Ulrich Mädge noch einmal: „Uns ist es wichtig, dass wir uns der Geschichte stellen. Unsere zahlreichen verschiedenen Erinnerungsorte sind Teil der Gedenkkultur und, so unser Wunsch, Lernort gerade auch für Jugendliche. Dazu zählen auch Objekte aus einem tragischen Kontext wie der Reichsbahnwaggon.“ Ebenso dazu zählen übrigens auch die Stolpersteine in Lüneburg – 50 an der Zahl, wie ein Mitarbeiter der Geschichtswerkstatt berichtet, auch wenn auf der Website derzeit noch von 47 die Rede ist. Vielleicht sind Dir die Messingplatten schon einmal aufgefallen, die hier und da in die Gehwege der Stadt eingelassen sind. Sie sollen an Opfer der NS-Zeit erinnern, die hier gewohnt, gelebt oder gearbeitet haben.

Alte Steine, exotische Bäume und eine Stadtmauer

Das dritte Objekt (Titelbild) stammt aus einer völlig anderen Zeit: Es handelt sich um ein mehr als 4000 Jahre altes Steingrab aus dem Übergang von der Steinzeit zur frühen Bronzezeit (ca. 2.200 v. Chr.). Das steinerne Grabmal wurde 1911 ausgegraben und von seinem ursprünglichen Standort bei Molbath (Nähe Uelzen) nach Lüneburg gebracht.

Dieser kleine Park hat aber noch mehr zu bieten. Das erfährst Du gleich am Eingang, wenn Du von der Wandrahmstraße kommst. Hier findest Du drei Informationstafeln, die wirklich sehr interessant sind, da sie auch tolle historische Bilder zeigen. Kannst Du Dir vorstellen, dass die heutige Willy-Brandt-Straße um 1900 herum eine herrliche Flaniermeile war? Du erfährst dort auch, was der Begriff Wandrahm bedeutet. Aber ich will nicht zu viel verraten – ich möchte Dich ja einladen, selbst einmal den Park zu besuchen.

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Maren  Hansen (Geschichtswerkstatt Lüneburg e.V.), Oberbürgermeister Ulrich Mädge und Museumsleiterin Prof. Dr. Heike Düselder vor dem Reichsbahnwaggon (© Museum Lüneburg)

Der Park selbst ist ein sogenanntes Arboretum, das heißt eine „öffentlich zugängliche Sammlung von freiwachsenden, einheimischen und exotischen Holzgewächsen“. Eine Tafel erklärt ganz genau die verschiedenen Bäume, ihre Herkunft und die einzelnen Standorte. Vom chinesischen Ginkgobaum bis zum nordamerikanischen Silber-Ahorn ist so einiges an Exoten dabei. Wann genau das Arboretum angelegt wurde, ist schwer zu sagen, möglicherweise aber bereits Ende des 19. Jahrhunderts.

Auf dem Boden des Wandrahmparks verläuft ein unscheinbares steinernes Band. Dort verlief früher einmal die Stadtmauer. Auch hierzu gibt es auf der Informationstafel eine eindrucksvolle Abbildung: einen Kupferstich aus dem 17. Jahrhundert, der Lüneburg mit seinen Stadtmauern und -toren zeigt.

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Der Park liegt zwischen Ilmenau und Lösegraben auf einer Art Insel. Neben Berlin und München hat also jetzt auch Lüneburg eine Museumsinsel! Auch wenn die Nähe der vielbefahrenen Willy-Brandt-Straße vielleicht nicht unbedingt zum längeren Verweilen einlädt – ein Besuch mit einem kleinen Ausflug in die Lüneburger Geschichte lohnt sich auf jeden Fall!

P.S. Hier geht es übrigens zu meinem Blogbeitrag über das Museum Lüneburg vom vergangenen November. Die Dauerausstellung des Museums, die aufgrund eines Brandschadens seit Ende Mai geschlossen war, ist ab dem 15. Juli wieder vollständig geöffnet.

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Stefanie Wagner und Prof. Dr. Heike Düselder freuen sich, den Gästen mit der Wiedereröffnung auch ein neues Faltblatt präsentieren zu können. (© Museum Lüneburg)
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Die Terrasse des Museums liegt direkt an der Ilmenau und hat man einen herrlichen Blick auf die Stadt. © Norbert Falkenhagen, http://www.germanfoto.de

 

 

 

 

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