Unterwegs im Wendland – meine fast kulturfreie Landpartie

Ich weiß nicht, wie viele Leute mir schon von der Kulturellen Landpartie im Wendland vorgeschwärmt haben. Auch als ich noch in Hamburg wohnte. Nun muss ich zugeben, dass ich nicht einmal wusste, was und wo das Wendland eigentlich ist. Irgendwie musste ich immer an die Anti-Atomkraft-Bewegung denken, und damit lag ich nicht ganz falsch. Tatsächlich hat die Kulturelle Landpartie ihre Wurzeln im politischen Widerstand gegen das Atommülllager Gorleben.

Der Besuch der Kulturellen Landpartie, die alljährlich von Christi Himmelfahrt bis Pfingsten stattfindet, steht also schon seit längerem auf meiner Liste. Das Wetter spielt in diesem Jahr mit, so gibt es keine Ausrede. Am Pfingstsonntag soll es nun endlich soweit sein. Entgegen meiner sonstigen Natur bin ich vollkommen unvorbereitet. Ich weiß nur, dass es einen Zug von Lüneburg nach Dannenberg gibt, der aus diesem Anlass einen Sonderfahrplan hat. Und dass man Fahrräder mitnehmen kann. Zur Vorbereitung wird der sogenannte Reisebegleiter empfohlen. Das Büchlein, welches das wirklich sehr umfangreiche Programm enthält und wichtige Tipps und Informationen liefert, ist im einschlägigen Buch- und Naturkosthandel zu haben. Als wir uns am Pfingstsamstag entschließen, ist es natürlich längst ausverkauft. Also sitze ich am Pfingstsonntag beim Frühstück und studiere das Programm auf der Website: Wanderung mit dem Förster durch den Wald, Morgen-Yoga, Wildkräutersmoothies und Frohkostsäfte selbst herstellen, Thai Xhi, Intuitives Bogenschießen….. Mir kommen Zweifel, ob das etwas für mich ist. Brauereiführung – das klingt schon besser. Aber die Brauerei ist zu weit von Dannenberg entfernt, um sie mit dem Fahrrad zu besuchen. Erst jetzt wird mir bewusst, wie groß das Wendland und damit auch der Veranstaltungsbereich für die Kulturelle Landpartie ist. Immerhin hat das Wendland, das weitgehend deckungsgleich ist mit dem Landkreis Lüchow-Dannenberg, eine Fläche von 1.220 Quadratkilometern. Mit dem Fahrrad ist der Radius also begrenzt, zumindest bei einer eintägigen Tour. Und mit dem Auto fühlt es sich auch irgendwie nicht richtig an. Zumal das Wetter heute wirklich zum Radfahren einlädt.

Atomkraft? Nein Danke!

Versteh mich nicht falsch – ich mache selbst Yoga, aber in der Summe erscheint mir das doch alles ein bisschen zu biodramatisch und esoterisch. Egal, sagen wir uns, fahren wir erstmal hin, und wenn wir am Ende einfach nur eine Fahrradtour durch das Wendland machen, ist es auch gut. Unser Zug soll um 11.41 Uhr abfahren – alles frühere ist an einem Sonntag einfach indiskutabel. Der Sonderfahrplan aus Anlass der Kulturellen Landpartie bedeutet übrigens, dass der Zug alle zwei statt, wie sonst, alle drei Stunden fährt. Der Tag will also gut geplant sein. Als ich mein Fahrrad aus dem Schuppen hole, denke ich noch: Wie gut, dass ich wenigstens einen „Atomkraft? – Nein Danke!“-Aufkleber auf dem Schutzblech habe. Ja, ich bin gegen Atomkraft. Aber ich bin Jahrgang 1967, Generation Golf und somit weitestgehend unpolitisch.

Der Zug des privaten Betreibers erixx fährt vom Lüneburger Westgleis ab und nennt sich „Heidesprinter“. Der Name ist alles andere als Programm, denn für die Strecke von ungefähr 55 Kilometern benötigt der Zug mehr als eine Stunde. Da wir aber rechtzeitig da waren und noch einen guten Platz für unsere Fahrräder und uns selbst bekommen haben, genießen wir die gemütliche Fahrt. Die kleine blau-gelbe Bahn tuckert fast ausschließlich durch dichte grüne Wälder. Ab und zu halten wir an einem kleinen Ort. Dort steht dann ein kleiner Unterstand, der eher einer Bushaltestelle ähnelt, und ein Fahrkartenautomat – das ist der Bahnhof. Eine Landpartie ist das hier auf jeden Fall – wieviel Kultur wir dabei mitnehmen, werden wir sehen.

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Als wir an der Endstation, dem Bahnhof Dannenberg-Ost ankommen, sind wir zunächst einmal planlos. Nur eines ist schon klar: Auf dem Rückweg werden wir wieder in Dannenberg einsteigen und rechtzeitig da sein. Denn wer in Hitzacker einsteigt, dürfte Probleme haben, einen guten Platz für sich und sein Fahrrad zu bekommen.

Dannenberg – Idylle und Protest

Als erstes erkunden wir das 8000-Einwohner-Städtchen Dannenberg. Wenn man in Lüneburg wohnt, ist man ja schon etwas verwöhnt, was alte Architektur angeht, aber der Ortskern mit dem Waldemarturm präsentiert sich tatsächlich recht malerisch.

Wir halten uns aber nicht allzu lange auf, denn nach der Bahnfahrt möchten wir uns doch noch etwas bewegen. Auf die Kulturelle Landpartie lässt hier nur der Aushang eines Restaurants schließen, das ein spezielles Menü anlässlich der Veranstaltung anbietet. Nein danke, wir haben ja gerade erst gefrühstückt.

Neben der Idylle ist hier das Thema Atomkraft allgegenwärtig. Denn die Verladestation Dannenberg liegt nur etwa einen Kilometer vom Bahnhof entfernt. Dort werden die Castor-Behälter auf Lastwagen umgeladen und zum etwa 20 Kilometer entfernten Atommüll-Zwischenlager Gorleben gefahren.

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Das X-Denkmal soll ein Zeichen des Protests gegen die Atomkraft sein.

Wir machen uns auf den Weg ins acht Kilometer entfernte Hitzacker. In Pisselberg passieren wir einige prachtvolle und liebevoll sanierte alte Fachwerkhäuser und Bauernhöfe – und ein Storchennest! Leider zeigt uns Meister Adebar auch nach längerem Warten nur sein Hinterteil.

Hitzacker ist mit knapp 5000 Einwohnern kleiner als Dannenberg – aber noch malerischer. Der Ortskern liegt auf einer kleinen Insel, umgeben von den Flüssen Jeetzel und Elbe. Hier ist ganz schön was los – und mir scheint, die Leute sind nicht alle wegen der Kulturellen Landpartie hier.

Hitzacker – idyllische Insellage und moderate Getränkepreise

Einen Platz in einem Biergarten zu bekommen, ist gar nicht so einfach. Aber in der Drawehnertor-Schenke haben wir Glück. Mittlerweile ist es doch schon wieder Zeit für ein kühles Getränk und eine kleine Mahlzeit. Wenn man sich mit dem etwas spröden nord-ostdeutschen Charme der Bedienung einmal arrangiert hat und freundlich dagegenhält, kann man hier ganz gut essen. Und vor allem die Getränkepreise sind sehr ländlich, das freut die Ausflugskasse. Essen und Trinken ist ja schließlich auch irgendwie Kultur.

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Die Lage des Ortskerns auf einer Insel zwischen Jeetzel und Elbe ist besonders reizvoll.

Weiter geht es nach Tießau. Die sieben Kilometer lange Strecke hat es allerdings in sich: Sie führt zunächst über einen mehr schlecht als recht fahrradtauglichen Weg an der Elbe entlang (später stellen wir fest, dass wir den entscheidenden Wegweiser am Ortsausgang verpasst haben), und dann steil bergab an einer Landstraße entlang, die größtenteils über keinen Radstreifen verfügt. Angekommen in Tießau, erspähe ich zum ersten Mal einen Wegweiser zu einem Veranstaltungsort der Kulturellen Landpartie, auch Musik ist zu hören. Die kommt von einer Irish Folk Band, die gerade bei „nimue“ aufspielt, einem Hersteller von historischen Gewändern. Frauen in ebensolchen Gewändern tanzen dazu barfuß. Auf den Stühlen sitzt die Fraktion Karohemden und Trekkingsandalen. Irgendwie bin ich hier falsch. Ich mag Irish Folk, und die Jungs sind auch gar nicht schlecht. Aber für mich gehört das in einen verrauchten Irish Pub mit einem Guinness in der Hand anstelle einer Bio-Rhabarberschorle. „Schade, dass die Wollverarbeitung ausfällt. Das hätte mich wirklich interessiert“, sagt mein Mann, weil er das gerade auf einem Schild gelesen hat. Und ich weiß genau, wie er das meint.

Fahrrad gegen Diesel – die etwas andere Entschleunigung

Nach zwei, drei Liedern treten wir den Rückweg an – lieber rechtzeitig, um den 18.12 Uhr-Zug zu bekommen, denn das Stück bergauf entlang der Landstraße wird kein Pappenstiel. Im ersten Gang strampele ich den Hang hinauf. Dabei muss ich vor einer Kurve leider einen uralten Mercedes 190 Diesel ausbremsen. Als er mich dann endlich überholen und wieder Gas geben kann, kommt er selbst kaum vom Fleck. Das hat doch auch irgendwie etwas Alternatives und Entschleunigendes, finde ich. Nur der schwarze Ruß aus seinem Auspuff passt so gar nicht in diese Idylle.

In Hitzacker fangen wir noch einmal die Atmosphäre am Hafen ein.

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Als wir wieder durch Pisselberg kommen, ist Meister Adebar mittlerweile ausgeflogen. An der Tankstelle in Dannenberg holen wir uns noch ein gekühltes Bier, das wir am Bahnhof im Schatten genießen. Für unsere Fahrräder haben wir im bereits wartenden Zug schon einen Platz klargemacht, aber bis zur Abfahrt ist noch Zeit. Einen Sitzplatz bekommen wir schließlich auch noch, aber für die in Hitzacker zusteigenden Fahrgäste wird es, wie erwartet, eng.

Das Wendland ist auf jeden Fall einen Tagesausflug wert

Das war wirklich ein toller Tagesausflug, den man von Lüneburg aus gerne einmal wieder unternehmen kann. Die Landschaft im Wendland – zumindest das, was ich davon gesehen habe – ist wirklich wunderschön. Der Kulturellen Landpartie gebe ich vielleicht – mit entsprechender Vorbereitung – im nächsten Jahr eine zweite Chance.

Echte Fans dieses kulturellen Ereignisses mögen mir meinen Beitrag übelnehmen. Dass es aber auch andere kritische und leicht belustigte Stimmen gibt, zeigte mir diese kleine Glosse in der LZ, mit der ich schließen möchte:

Wenn man ins Wendland fährt, ist das immer schön. So ein bisschen ein Ausflug in die Hippie-Zeit, beschwingt und ökologisch wertvoll. Besonders nett ist es, wenn man Kunsthandwerker besuchen kann. Die zeigen elegante und skurrile Sachen. Eine Mischung so lustig prickelnd wie Brausepulver. Dass das Alternative längst nicht nur die Alternativen schön finden, ist eine Binsenweisheit. Kuscheligen Walle-Filz trägt so manche Dame. Auch wenn man dem Kapitalismus und seinen Folgen „total kritisch“ gegenübersteht und natürlich weiß, dass die Welt eine bessere sein könnte, hat auch die Marktwirtschaft Einzug ins Milieu gehalten. Patchworkdecken, die an einen Handarbeitskursus 8. Klasse erinnern, sind für lockere 900 Euro zu haben. Muss man halt mögen. Besonders gut fand ich eine Jacke zusammengestückelt aus löchrigen Jeans mit durchgestrichenem Preisschild statt für 450 nun für 300 Euro im Angebot. Respekt für den findigen Altkleidersammler. Man muss halt wirtschaften können. carlo (Quelle: LZ vom 24.05.2018)

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