Eat the world – Lüneburg kulinarisch entdecken

Der arme Robert! Der junge Baumeister, so die Sage, begann 1402, einen neuen Kirchturm für die St. Johanniskirche zu bauen. Der alte war durch einen Blitzeinschlag abgebrannt. Nach zwei Jahren war das Werk vollbracht. Aber als die Gerüste abgetragen wurden, sah jedermann, wie schief die neue Turmspitze geworden war. Vor lauter Gram stürzte sich Robert aus dem Fenster – doch er fiel auf einen vorbeifahrenden Heuwagen und überlebte. Das musste er sogleich feiern – und zwar so heftig, dass er betrunken von der Bierbank fiel und sich das Genick brach.

Mit dieser tragischen Geschichte beginnt die Stadtführung an einem regnerischen Tag im Januar. Denn der Startpunkt für die kulinarisch-kulturelle Tour von eat-the-world ist an der St. Johanniskirche. Wir sind nur zu fünft heute Nachmittag, aber es ist ja auch ein Freitag. Die Samstagstermine sind in der Regel auf Monate hinaus ausgebucht. 

Das Konzept von eat-the-world lautet: Sieben Kostproben in drei Stunden. Die Idee dahinter: Eine fremde Stadt über ihre kulinarischen Spezialitäten kennenlernen. Was is(s)t man in der Region? Diese Frage stellte sich die Berlinerin Elke Freimuth immer wieder bei Auslandsaufenthalten und gründete schließlich 2008 das Unternehmen. Mittlerweile werden die Touren in 36 deutschen Städten angeboten.

Unsere Stadtführerin Christiane ist keine geborene Lüneburgerin, das ist nicht zu überhören. Aber dass ihr Herz für die Hanse- und Salzstadt schlägt, das spürt man. Und die gebürtige Freiburgerin hat sich wirklich sehr gut in die Lüneburger Stadtgeschichte eingearbeitet. Diesbezüglich kann ich auf dieser Tour noch eine ganze Menge lernen. Mir scheint, ich habe mich doch bisher zu sehr auf Essen, Trinken, Shoppen und Ausgehen konzentriert.

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Der schiefe Turm von Lüneburg: St. Johannis

Über die St. Johanniskirche gibt es noch mehr zu erzählen, auch über die benachbarte Stern-Druckerei. Aber uns wird langsam kalt und wir hoffen, dass wir uns bei der ersten Kostprobe ein wenig aufwärmen können. Leider hoffen wir vergebens. Denn die erste Station ist das Café Zeitgeist – und das ist, wie meistens, auch an diesem Nachmittag vollbesetzt. Also müssen wir unsere kleine Portion „Quarkgeist“ – eine Quarkspeise mit Früchten und Topping – draußen im Stehen einnehmen. Aber Rettung naht: danach geht’s ins Jolie, wo wir eine halbe Stunde bleiben und kleine Tapas genießen dürfen. Hier herrscht noch die Ruhe vor dem Sturm, denn das Bistro öffnet erst in zwei Stunden. Über die Lüneburger Stadtgeschichte habe ich bis hierhin schon so einiges gelernt. Beispielsweise woher der Platz Am Sande seinen Namen hat, und was ein Grapengießer war. Aber ich möchte nicht zu viel verraten – Du möchtest die Tour ja vielleicht noch selbst machen. Auch über die Lokale und Geschäfte, die wir besuchen, erzählt Christiane immer etwas. Es sind ausnahmslos kleine inhabergeführte Läden – einige mit einer sehr langen Tradition, andere ganz neu und aus Leidenschaft gegründet.

Zum Nachtisch etwas Süßes? Kein Problem, denn die Schokothek ist nicht weit entfernt. Hier dürfen wir die köstliche Lüneburg-Praline probieren, die das Stadtwappen trägt. Inhaberin Sabine Schlenker stellt uns ihr kleines Ladenlokal vor, mit dem sie sich einen Traum verwirklich hat. Das spürt man auch immer wieder, wenn sie über einzelne Produkte aus ihrem Sortiment spricht.

Auf süß folgt dann wieder herzhaft: Käse Hensel in der Kuhstraße ist eine Institution in Lüneburg, und das schon seit 1932. Drei Sorten Käse dürfen wir probieren. Hier finde ich es nur etwas schade, dass sich niemand die Mühe macht, kurz ein paar Worte zu den verschiedenen Käsesorten zu sagen, denn es herrscht gerade kein reger Kundenverkehr. Ich gehe sonst sehr gerne in den Laden, um meinen Käse zu kaufen, und werde immer gut beraten.

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Käse-Hensel ist eine Lüneburger Institution seit 1932.

Die Überraschung des Tages für mich in punkto Lüneburger Genuss- und Gastronomieszene ist der Fruchthof Habig. Tatsächlich bin ich an dem kleinen Laden mit den großzügigen Obst- und Gemüseauslagen an der Ecke Grapengießerstraße/Schlägertwiete schon einige Male vorbeigegangen, ohne ihm besondere Beachtung zu schenken. 1929 gründete Emmi Seifert ihren Obst- und Gemüseladen – ein gewagtes Unterfangen für eine junge alleinstehende Frau in der damaligen Zeit. Erst später lernte sie Heinrich Habig kennen und heiratete ihn. Das Unternehmen ist bis heute in Familienbesitz und wird seit Anfang 2018 von Emmi Seiferts Enkel Michael Habig und seiner Frau Andrea geführt. Andrea Habig ist es dann auch, die uns freundlich empfängt und Heidschnuckenpastete von der Fleischerei Mustermann auf kleinen Kräckern appetitlich präsentiert. Neben Obst und Gemüse, bevorzugt aus der Region, hat das Ehepaar regionale Feinkostartikel im Sortiment. Darüber hinaus gibt es einen Lieferservice bei Einkäufen ab 20 Euro im Umkreis von 15 Kilometern.

Von hier aus machen wir noch einen kleinen Abstecher in das Senkungsgebiet. Wenn Du von der Grapengießerstraße kommend an der Ecke Salzstraße/Neue Sülze stehst, kannst Du deutlich sehen, wie es bergab geht. Aufgrund des Salzstockes, der hier unter der Erde liegt, haben sich die Gebäude nach und nach abgesenkt. Viele Häuser mussten abgerissen werden, darunter auch zwei Kirchen. Um weiteren Abriss zu verhindern, gründete der Lüneburger Bildhauer und Restaurator Curt Pomp 1972 den Arbeitskreis Lüneburger Altstadt. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, historische Bauwerke zu erhalten und zu pflegen. Unsere Stadtführerin Christiane zeigt uns das liebevoll restaurierte Haus in der Unteren Ohlingerstraße, in dem Curt Pomp wohnt. Der Giebel trägt eine ganz besondere Botschaft: „Herr schütze mich und die hier hausen vor Planern und Kulturbanausen.“

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Das Haus von ALA-Gründer Curt Pomp in der Unteren Ohlingerstraße.

Auch am Rathaus gibt es wieder einiges zur Lüneburger Stadtgeschichte zu lernen. Aber dazu komme ich noch, wenn ich Euch von meiner Rathausführung erzähle. Auf dem Weg passieren wir das Haus, in dem 1747 Johann Abraham Peter Schulz geboren wurde. Zugegebenermaßen sagte mir der Name zunächst nichts. Aber jetzt weiß ich, dass er die Melodie zu Matthias Claudius‘ „Abendlied“ („Der Mond ist aufgegangen“) komponiert hat. Das Glockenspiel des Rathausturms spielt daher diese und andere Melodien des Lüneburger Komponisten zur vollen Stunde. Das Abendlied erklingt täglich um 18 Uhr.

Wir kommen langsam zum Ende unserer kulinarischen Stadtführung. Am Berge kehren wir noch in der Lüneburger Schokoladenmanufaktur ein, die bekannt ist für ihre Salzpraline mit dem Wildschwein-Konterfei: die Pralüne. Heute aber treffen die Inhaber so gar nicht unseren Geschmack. Mal etwas Ungewöhnliches ausprobieren, hat man sich wohl gedacht. Aber die Kostproben der getrockneten Tomaten in Schokolade bleiben größtenteils liegen. Da naschen wir doch lieber von den verschiedenen Schoko-Brotaufstrichen, die angeboten werden.

Zum Abschluss geht es traditionell bei eat-the-world in ein Lokal, in dem die Gäste gerne noch verbleiben dürfen, wenn die Stadtführerin Feierabend hat. So endet unsere Tour im Lanzelot, wo wir Couscous mit Zucchini, Aubergine, Berberitzen und Ingwer in einem kleinen Weckglas serviert bekommen. Das schmeckt wirklich sehr gut, aber bleiben möchte trotzdem irgendwie niemand. Christiane verteilt noch die Broschüre, in der alle besuchten Orte ausführlich vorgestellt werden.

Insgesamt neun Locations stehen in der Broschüre, von denen bei jeder Führung immer sieben angesteuert werden. So sind es nicht jedes Mal exakt die selben Orte – Die Genusswelt beispielsweise wurde zu dem Zeitpunkt gerade renoviert.

Mein Fazit: Da ich mich mit der Lüneburger Genuss- und Gastronomieszene schon recht ausführlich auseinandergesetzt habe, war für mich wenig Neues dabei. Über die Lüneburger Stadtgeschichte habe ich aber eine Menge gelernt, und das auf eine unterhaltsame und abwechslungsreiche Art und Weise.

Die Tour ist also vielleicht nicht unbedingt für alteingesessene Lüneburger interessant, dennoch aber nicht nur für Touristen, sondern durchaus auch für Neu-Lüneburger und alle, die sich für Essen und Trinken interessieren. Die Touren finden bei jedem Wetter statt und Du solltest schon einigermaßen gut zu Fuß sein. Die Tour ist nicht barrierefrei und die meisten Kostproben werden im Stehen eingenommen. Auch weisen die Veranstalter explizit darauf hin, dass die Summe der einzelnen Kostproben für die meisten Menschen zwar eine Mahlzeit ersetzt. Aber es kann schon ein bisschen dauern, bis Du etwas zu essen bekommst, und das Ganze zieht sich ja auch über drei Stunden hin. Du solltest also nicht völlig ausgehungert ankommen, aber Dir auch nicht vorher den Bauch vollschlagen. Auf Vegetarier kann Rücksicht genommen werden, wenn Du es vorher anmeldest. Bei allen anderen Einschränkungen wird es aber schwierig. Getränke sind im Preis von 33 Euro pro Person nicht enthalten. Es wird empfohlen, eine Flasche Wasser mitzubringen. Aber natürlich sehen es die Lokale, in denen man etwas verweilt, auch gerne, wenn Du dort ein Getränk bestellst.

Du kannst bei eat-the-world übrigens auch Gutscheine erwerben. Der Beschenkte kann sich dann aussuchen, in welcher Stadt er an der Tour teilnehmen möchte. In größeren Städten gibt es selbstverständlich mehrere Touren in den unterschiedlichen Stadtteilen. Das ist auf jeden Fall ein schönes Geschenk für jemanden, der gerade umgezogen ist. Ostern steht ja vor der Tür, und dann wird es ja auch hoffentlich endlich ein bisschen wärmer.

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6 Kommentare zu „Eat the world – Lüneburg kulinarisch entdecken

    1. Da hast Du tatsächlich in Deiner Gegend einiges zur Auswahl: Düsseldorf, Duisburg, Köln, Aachen, Essen, Mülheim, Dortmund…. Ich habe es auch schon einmal in Hamburg gemacht, in einem Viertel, in dem ich mich noch nicht so auskannte, und das war absolut lohnenswert.

      Gefällt 1 Person

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