Der Lüneburger Diamant, zwei stolze Bürgermeister und eine junge Heldin – Das Museum Lüneburg erzählt Geschichte(n)

Hat die legendäre Varusschlacht bei Lüneburg stattgefunden? Wer regelmäßig Rote Rosen schaut weiß, dass der Archäologe Dr. Arne Fries (Christian Rudolf) in der Telenovela mit dieser These ordentlich auf die Nase gefallen ist. Dennoch hat Lüneburg eine interessante und bewegte Geschichte. Und wo könnte man die besser erforschen als im Museum?

Das Museum Lüneburg wurde im März 2015 eröffnet und vereint drei Sammlungen unter einem Dach, die früher in getrennten Häusern zu sehen waren: das Museum für das Fürstentum Lüneburg, das Naturmuseum und die Stadtarchäologie. Das Gebäude besteht aus Teilen des alten Museums für das Fürstentum Lüneburg, das um einem Neubau ergänzt wurde.

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Eigentlich sollte ein Besuch im Museum Pflichtprogramm für alle Neu-Lüneburger sein. Vielleicht wäre das eine neue Marketing-Idee: freier Eintritt für alle Neubürger? Denn die Besucherzahlen liegen noch unter den Erwartungen zurück. „Bei den Lüneburgern sind wir schon ganz gut angekommen“, berichtet Hannah Heberlein, die seit September dieses Jahres für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit im Museum Lüneburg zuständig ist. Es gebe viele Jahreskartenbesitzer. Auch die zahlreichen Veranstaltungen werden gut besucht. Aber nur wenige Touristen finden den Weg ins Museum. Kein Wunder, denn die malerische Innenstadt Lüneburgs ist ja so etwas wie ein Freilichtmuseum, da ist die Konkurrenz groß. Dennoch lohnt sich ein Besuch im Museum, finde ich.

Mit acht Euro bist Du dabei, falls Du zu einer Ermäßigung berechtigt bist, zahlst Du nur vier Euro. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sowie Studierende der Leuphana haben sogar freien Eintritt! Auch an der allgemeinen Hausführung am Freitag oder Samstag um 15 Uhr oder der Themenführung am Sonntag um 14.30 Uhr kannst Du ohne Aufpreis teilnehmen. Einen ersten Überblick verschafft Dir die Website, die für meinen Geschmack gut und übersichtlich gestaltet ist.

Ich habe das Museum zunächst einmal auf eigene Faust erkundet, dazu erhältst Du an der Kasse einen Mediaguide. Im Gegensatz zum bekannten Audioguide bekommst Du hier nicht nur zusätzliche Erläuterungen zum Hören, sondern auf dem kleinen Display auch etwas zu sehen. Das fand ich zugegebenermaßen etwas gewöhnungsbedürftig. Mir genügt es eigentlich, wenn ich mir die Exponate und Beschriftungen anschaue und dazu noch etwas auf die Ohren bekomme. Die Audiobeiträge sind gut gemacht: mit zwei bis drei Minuten Länge nicht zu lang und von einer angenehmen weiblichen Stimme professionell gesprochen (das ist ja leider nicht in allen Museen der Fall). Die Audiobeiträge ergänzen die Beschriftungen an den Exponaten, es werden aber nur ausgewählte Exponate erläutert. Verwirrend fand ich die auf dem Display dargestellte Position der Exponate im jeweiligen Ausstellungsraum. Ich bin ja eher ein Zahlenmensch und erwarte, dass man mich in streng numerischer Reihenfolge durch das Museum führt. Das ist hier nicht der Fall – dieses Museum muss man sich ein bisschen erarbeiten. Ich habe die Herausforderung angenommen und hatte einen sehr interessanten und aufschlussreichen Nachmittag. Trotzdem möchte ich erwähnen, dass ich nicht alle im Mediaguide erläuterten Exponate finden konnte. Vielleicht hat meine Konzentration aber auch im Laufe des Nachmittages nachgelassen…..

Die Dauerausstellung besteht aus sieben Abteilungen. Diese tragen Bezeichnungen wie „schieben und schichten“ oder „gründen und bauen“ – das ist ungewöhnlich und macht neugierig.

Raum 1: schieben und schichten

Durch die hellgrauen Vorhänge an den hohen Fenstern kannst Du erahnen, was für einen schönen Blick man von der Terrasse aus haben muss: die Ratsmühle, der Wasserturm und die Kirche St. Johannis liegen gleich vor Dir. Ich konzentriere mich trotzdem auf die Exponate, die mir die Geologie der Umgebung Lüneburgs erläutern. In diesem Raum kannst Du etwas über den Kalkberg und den Kreideberg lernen. Du erfährst, dass das heutige Lüneburg in der Kreidezeit mehrmals vom Meer bedeckt war und Du kannst den sogenannten „Lüneburger Diamanten“, den Boracit, bewundern. Durch ein Mikroskop siehst Du ganz besondere Algen, sie sind wahre Kunstwerke.

Raum 2: wachsen und gestalten

Ausgestopfte Tiere dominieren diesen Raum: Waldmaus und Eichhörnchen, Fuchs und Wolf, Igel und Baummarder, Biber und Fischotter. Und auch die Heidschnucke darf natürlich nicht fehlen. Eine Vielfalt an Vögeln ist hier versammelt, von denen mir viele gänzlich unbekannt sind und einige gerade exotisch anmuten. Über allen thront ein stattliches Wildschwein. Die Exponate vermitteln einen guten Eindruck über die Größenverhältnisse der Tiere. Berühren darfst Du sie natürlich nicht – einzige Ausnahme: der „Streichel-Otti“, ein Otterfell, das extra für diesen Zweck aufgespannt wurde. Ich bin so fasziniert von den Tieren, dass ich die anderen Exponate wie frühe Waffen, Werkzeuge und Schmuckstücke kaum wahrnehme. Der riesige Einbaum gleich am Anfang des Raumes ist allerdings nicht zu übersehen. Die Stimme des Mediaguides erklärt mir, dass dieses Prachtstück – 7,57 Meter lang und 1,2 Tonnen schwer – 1903 aus der Elbe gezogen wurde und vermutlich aus der Zeit zwischen 1050 und 1250 nach Christus stammt. Die interessante Geschichte der Flussperlmuschel wäre mir wahrscheinlich entgangen, wenn sie nicht auf dem Mediaguide erklärt würde.

Raum 3: gründen und bauen

Jetzt sind wir im mittelalterlichen Lüneburg angelangt. Die Salzgewinnung begründete den Wohlstand der Stadt. Aber darüber erfährst Du mehr im Salzmuseum, das ich mir als nächstes vornehmen werde. Dafür erzählt hier beispielsweise die Luna-Säule – eine Säule aus türkischem Marmor – ihre geheimnisvolle Geschichte. Du findest auch Original-Teile des Lunabrunnens, der als Replik vor dem Rathaus steht. Und was hat der Name Lüneburg denn nun eigentlich mit der Mondgöttin Luna zu tun? Alte Gebäudeteile – Türme und Giebel, Teile von Fassaden und Skulpturen – heben sich in diesem Raum von den orangen Wänden ab.

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Raum 4: herrschen und herausfordern

In den ersten drei Räumen habe ich – sicherlich bedingt durch meine besondere journalistische Neugier und die Notizen, die ich mir gemacht habe – locker eineinhalb Stunden verbracht. Nun liegen noch weitere vier Räume vor mir, da lässt die Aufmerksamkeit etwas nach. Dennoch faszinieren mich auch hier einige Exponate wie prachtvoll geschmückte Holztruhen oder silberne Trinkgefäße. Vor der dunkelroten Wand kommen das Original Burgtor von 1350 und die Stützpfeiler aus der St. Michaeliskirche besonders gut zur Geltung. Dazu die Ganzkörperporträts der beiden Bürgermeister Leonhard und Heinrich Töbing, die in ihren prächtigen Gewändern das Selbstbewusstsein der Lüneburger im 16. Jahrhundert repräsentieren. Denn solche Porträts waren damals eigentlich dem Adel vorbehalten.

Als ich meine Unterlagen kurz auf einer Vitrine ablege, macht mir eine junge Frau im gestreiften Pulli unmissverständlich klar, dass das hier verboten ist. Ich komme schnell mit ihr ins Gespräch, sie spricht ganz offen über ihre geistige Behinderung (daher darf ich diesen politisch-unkorrekten Begriff hier auch verwenden!). Das Museum beschäftigt einige Menschen mit Behinderung, die als Aufsicht und im Museumscafé im Einsatz sind. Es handelt sich um eine Kooperation mit der Lebenshilfe Lüneburg. Frau Haji ist froh, dass sie diesen interessanten Job hat und weiß eine Menge über das Museum und seine Exponate. Ihre Lieblingsgeschichte ist die von dem „Lüneburger Heldenmädchen“, die muss ich mir in Raum 7 unbedingt noch anschauen. Eine tolle Kooperation, finde ich. Die Mitarbeiter machen ihre Sache sehr gut, erzählt Frau Heberlein.

Raum 5: glauben und wissen

Nun kommen wir in die Zeit der Reformation, deren 500-jähriges Jubiläum wir ja gerade gefeiert haben. Daher ist hier auch eine Sonderausstellung zu diesem Thema in die Dauerausstellung integriert. In diesem Raum geht es aber nicht nur – wie der Titel sagt – um das glauben sondern eben auch um das wissen. Du findest hier alte Globen und die berühmte Ebstorfer Weltkarte, die Reproduktion einer mittelalterlichen Weltkarte, die 1830 im Kloster Ebstorf gefunden wurde. Auch Teile der Holzdecke aus der Alten Raths-Apotheke von 1598 hängen hier. Sie ist, genau wie die prachtvolle Fassade in der Großen Bäckerstraße, farbenfroh gestaltet. Apotheken galten in der damaligen Zeit als Zentren der Wissenschaft.

Raum 6: finden und forschen

Hier kannst Du etwas über Ausgrabungen lernen und darüber, was uns alte Fundstücke über die jeweilige Zeit verraten. Wo die „Ausgrabungen“, die bei Rote Rosen eine Rolle spielen, gedreht wurden, durfte mir Frau Heberlein übrigens nicht verraten. Aber sie weiß, dass ihre Kollegen das Rote Rosen-Team nicht nur fachlich beraten haben, sondern auch als Komparsen dabei waren. Als sie gebeten wurden, die Komparsen des Grabungsteams in der archäologischen Arbeit auszubilden, boten sich Kreisarchäologe Dietmar Gehrke und Stadtarchäologe Prof. Dr. Edgar Ring prompt an, selbst vor der Kamera zu stehen.

Raum 7: erinnern und erhalten

Nun bist Du endgültig in der jüngeren Geschichte Lüneburgs angekommen. Hier darf natürlich auch das dunkle Kapitel Nationalsozialismus nicht fehlen. Aber auch andere historische Ereignisse sowie der Natur- und Denkmalschutz werden hier thematisiert.

Am Ende bin ich mit Informationen etwas überladen. Ich sollte wohl noch ein zweites Mal wiederkommen, um die letzten Räume entsprechend zu würdigen. Aber jetzt muss ich unbedingt noch wissen, was es mit dem Heldenmädchen auf sich hat. Ich werde nicht sofort fündig, aber Frau Haji hilft mir gerne weiter. Johanna Stegen hieß die junge Frau, die im Befreiungskrieg während eines Gefechtes bei Lüneburg 1813 eine wahre Heldentat beging: Als dem preußischen Regiment die Munition auszugehen drohte, versorgte Johanna die Soldaten mit Patronen, die sie aus einem von den Franzosen zurückgelassenen umgekippten Munitionswagen aufsammelte und in ihrer Schürze herbeitrug. Durch diese Tat soll sie maßgeblich zum Sieg der preußischen Truppen beigetragen haben und wird daher bis heute als Heldin gefeiert. Es gibt sogar ein Johanna-Stegen-Denkmal inLüneburg.

Was das Museum sonst noch bietet

Zahlreiche Veranstaltungen für groß und klein ergänzen das Angebot des Museums. Neben der erwähnten Reformationsausstellung laufen derzeit eine Sonderausstellung über den Wolf sowie eine Kunstausstellung mit Werken des italienischen Künstlers Bruno Bruni. Neben den allgemeinen Führungen am Freitag und Samstag gibt es jeden Sonntag eine Themenführung. Am vergangenen Sonntag durfte ich dabei sein, als Kurator Dr. Ulfert Tschirner unter dem Motto „Gesichter und Geschichten“ ausgewählte Porträts erläuterte. Angefangen von frühen Darstellungen auf Silbermünzen im Mittelalter bis hin zu dem 1942 von Arthur Illies angefertigten Porträt des Historikers Dr. Wilhelm Reinecke. Die Führung war sehr informativ und kurzweilig und fand großen Anklang.

Auch für Kinder bietet das Museum einiges: Auf dem Mediaguide gibt es ein spezielles Programm, das Kinder von fünf bis zehn Jahren kindgerecht durch das Museum führt. Darüber hinaus gibt es Sonntagsaktionen für die ganze Familie und verschiedene Angebote für Kindergeburtstage unter dem Motto „nicht nur ein Jahr älter, sondern auch schlauer werden!“.  Und am 17. Dezember findet eine Puppentheatervorstellung statt. Die Geschichte vom kleinen Ritter wird sicher viele Kinder anlocken.

Das Museumscafé LUNA kannst Du übrigens auch besuchen, ohne Eintritt zu zahlen. Dort bekommst Du leckeren Kuchen und hast einen herrlichen Ausblick – der im Sommer von der Terrasse aus sicherlich noch schöner ist. Das Museum ist barrierearm, an der Eingangstreppe befindet sich ein Hublift.

Ob nun die Rolle des Museums in der laufenden Rote Rosen-Staffel die Besucherzahlen nach oben getrieben hat, lässt sich nicht so genau ermitteln. Aber ein bisschen Werbung hat ja noch keinem geschadet 🙂

Für meinen Beitrag erhielt ich zweimal freien Eintritt ins Museum Lüneburg, dafür herzlichen Dank. Bedanken möchte ich mich auch bei Hannah Heberlein (im Bild oben links), die sich extra Zeit genommen und mich mit Informationen versorgt hat, sowie bei Dr. Ulfert Tschirner (im Bild rechts neben dem Porträt von Dr. Wilhelm Reinecke) für seine interessante Führung.

Alle anderen Bilder mit freundlicher Genehmigung von Norbert Falkenhagen

2 Kommentare zu „Der Lüneburger Diamant, zwei stolze Bürgermeister und eine junge Heldin – Das Museum Lüneburg erzählt Geschichte(n)

  1. Danke, liebe Ruth. Dein Artikel macht auf jeden Fall große Lust, das Museum zu besuchen. Werde ich auf jeden Fall, wenn ich das nächste mal in der Nähe bin.

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