Wenn die Stadt erwacht – Lüneburg für Frühaufsteher

Um 4 Uhr holt mich der Wecker aus dem Tiefschlaf. Ich habe mir am Vorabend ein paar Sachen herausgelegt, damit ich Matthias nicht zu sehr störe. Der muss erst um 6 Uhr aufstehen – was für mein Gefühl auch noch mitten in der Nacht ist. Aber heute habe ich etwas vor.

Als ich 20 Minuten später mein Fahrrad aus dem Schuppen hole, schläft das Hanseviertel noch. Auf der Bleckeder Landstraße treffe ich auf eine Passantin und ein Auto. Der erste Metronom nach Hamburg fährt um 4.32 Uhr ab und wartet bereits auf dem Gleis. Nur eine Handvoll Fahrgäste steigen zu dieser Uhrzeit ein. Am ZOB steht ein Bus, der 5007er. Vor dem Bahnhof zwei Taxen.

Facebook fragt mich: Was machst Du gerade? Das frage ich mich, ehrlich gesagt, auch. Der Bäcker und der Zeitschriftenladen öffnen erst um 5 Uhr, aber hinter den Glastüren wird schon gearbeitet. Ein Mann fragt mich, ob ich eine Zigarette habe. Nein, ich rauche nicht. Ob ich denn etwas Kleingeld habe? Nicht für Zigaretten, antworte ich. Das scheint er zu verstehen, er verzieht sich.  Ein bisschen mulmig ist mir schon. Wenn der jetzt sein Messer zückt, wären nicht viele Leute in der Nähe, dir mir helfen könnten.

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Auf einer der Bänke in der Wartehalle sitzt eine eher ungepflegte Erscheinung, vermutlich ein Obdachloser. Der Schnorrer läuft hustend vor dem Bahnhofsgebäude auf und ab und murmelt mantramäßig, er wolle doch nur ein Wasser, nein, kein Bier, nur ein Wasser, und er habe doch nur noch einen Euro. Das Geräusch seiner Schuhe lässt auf Ledersohlen schließen. Um 4.55 Uhr fährt der Bus nach Finkenwerder zum AIRBUS-Werk ab. Wer hier einsteigt, hat auch noch einen ganz schön weiten Weg vor sich. Wahrscheinlich beginnt die Schicht dort um 6 Uhr.

Der Bäcker und der Zeitschriftenladen öffnen pünktlich um 5 Uhr ihre Pforten. Der Mann in Businessmantel mit Laptoptasche über der Schulter ist der erste, der seine Bestellung am Bäckereitresen aufgibt. Ich gönne mir ein Schoko-Croissant und einen Cappuccino. Langsam beginnt sich die Halle zu füllen. Die Menschen tragen Alltags-, Business- oder Arbeitskleidung und haben Aktentaschen und Rucksäcke dabei. Andere machen sich mit Koffern und großen Taschen auf die Reise. In kürzester Zeit hat sich beim Bäcker eine Schlange gebildet. Kaffeespezialitäten stehen um diese Zeit besonders hoch im Kurs. Beim Zeitschriftenladen geht die eine oder andere BILD-Zeitung über den Tresen. Für die meisten hier scheint es Routine zu sein. Manche sehen noch ziemlich müde aus, andere unterhalten sich bereits angeregt. Der Mann mit der hellblauen Krawatte scheint das nicht jeden Tag zu machen. Neben der Aktentasche hat er noch einen pastellfarben-karierten Rucksack dabei, in dem er ein rosafarbenes Fahrradschloss verstaut.

Jetzt fahren die Züge Schlag auf Schlag: 5.24 Uhr nach Hamburg, 5.26 Uhr nach Lübeck und 5.32 nochmal nach Hamburg. Dann leert sich die Halle und die Bäckerei-Mitarbeiter können eine kleine Verschnaufpause einlegen. Der Schnorrer hat offensichtlich eine Frau überredet, ihm ein Bier zu kaufen. Zur Bäckerei gehört ein kleiner Shop, der ebenfalls um 5 Uhr geöffnet hat. Ein Astra morgens um 5.30 Uhr, Alter! Warum heißen die Bereiche beim Bäcker, an denen ich mir selbst meinen Deckel auf den Kaffee machen muss, eigentlich Servicestation? Wo ist da bitte der Service? Nur so ein Gedanke, morgens um 5.30 Uhr am Bahnhof Lüneburg.

Um 6 Uhr öffnet die McDonald’s Filiale. Der Mitarbeiter stellt einen Werbe-Aufsteller raus: Kaffee auf der einen Seite, Red Bull auf der anderen. „Power to go, jetzt auch bei McDonald’s!“ Es dauert keine fünf Minuten, bis der erste Gast den Laden betritt, nach und nach folgen weitere. Wahrscheinlich ist der Kaffee hier billiger als beim Bäcker nebenan. Was die Menschen in den brauen Tüten da raustragen kann ich nicht erkennen. Vielleicht möchte ich es auch gar nicht wissen. Aber langsam bekomme ich auch Appetit auf Fritten. Der Schnorrer muss jemanden gefunden haben, der ihm eine Zigarette ausgegeben hat. Jetzt eilt er zum Rauchen nach draußen.

Um 6.15 weckt ein DB-Mitarbeiter in blauer Uniform und roter Mütze den Obdachlosen, der eingenickt war. Moin – soll es noch wo hingehen? Der Mann murmelt verschlafen eine Antwort, die ich nicht verstehe. Lautes Geschrei lockt mich auf den Bahnsteig. Eine Frau brüllt hysterisch, weil ihr der Zug nach Uelzen vor der Nase weggefahren ist. Sie habe doch schon seit einer halben Stunde hier gewartet und dann sei sie nur einen Waggon weiter nach vorne gegangen zum Ruhewagen, und schon sei der Zug losgefahren. Der habe ja nur ein paar Sekunden gehalten, sie habe einen Termin in Göttingen, was sie denn jetzt machen solle? Der Bahnbeamte, den sie lautstark mit Worten überhäuft, bleibt gelassen.

Ich mache einen kurzen Abstecher in die Innenstadt. Das Restaurant des Hotel Bergström ist hell erleuchtet. Die Mitarbeiter rüsten sich für die ersten Gäste, die ab 6.30 Uhr dort ihr Frühstück einnehmen können. In der Lobby des Hotels ist es mollig warm und die Kamin-Atrappe verbreitet ein wohliges Gefühl. Hier herrscht noch die Ruhe vor dem Sturm. Vereinzelte Passanten eilen in Richtung Bahnhof. Ich bin froh, dass ich die Stadt nicht jeden Tag verlassen muss. Und überhaupt bin ich froh, dass ich nicht jeden Tag so früh aufstehen muss. Hotelmitarbeiter schieben Transportwagen zwischen den verschiedenen Gebäuden des Hotels hin und her. Die zum Bergström gehörende Backstube neben dem Restaurant Mama Rosa hat auch schon seit 6 Uhr geöffnet. Der Duft von frisch gebackenen Brot und Brötchen dringt nach draußen. Beim Nudelkontor schüttet die Mitarbeiterin frische Pasta in die Auslagen. Der Chef sitzt mit einem Mitarbeiter am Laptop, wahrscheinlich gehen sie die nächste Bestellung durch. Der Laden öffnet um 7 Uhr – wer kauft morgens um sieben frische Pasta? Am Irish Pub werden Getränke angeliefert und auch der Schallander ist bereits hell erleuchtet. Am Sande stehen drei Taxen und die vier obligatorischen Busse, die immer zur gleichen Zeit fahren. Der Edeka-Laden bekommt gerade eine Lieferung von Harry-Brot.

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Zurück am Bahnhof treffe ich Matthias, der sich auf den Weg zur Arbeit nach Hamburg macht. Im Gegensatz zu mir ist er frisch geduscht und ordentlich angezogen. Aber dafür hat er auch noch nicht so viel erlebt wie ich. Um diese Zeit ist der Bahnsteig schon gut gefüllt mit Hamburg-Pendlern und der Metronom fährt mit erhöhter Frequenz: 7.09 Uhr, 7.11 Uhr, 7.28 Uhr und 7.32 Uhr. Man hat die Wahl zwischen dem überfüllen Express oder dem nicht so vollen Bummelzug. Ungefähr 7.500 Lüneburger pendeln täglich mit der Bahn nach Hamburg, schätzt die Stadt*. Zwei junge Männer mit Burgern kommen mir entgegen. Soll ich auch? Die Frau, die ihren Zug nach Uelzen verpasst hat, krakeelt schon wieder rum. Sie hat jetzt eine Stunde auf den nächsten Zug gewartet, und der hat nun zehn Minuten Verspätung.

Um 7.20 Uhr warten bereits ungefähr zehn Personen vor dem DB-Reisezentrum, das um 7.30 Uhr öffnet. Was machen die da? Fahrkarten kann man doch auch online kaufen. Oder am Automaten. Und das sind nicht nur ältere Leute. Draußen wird es langsam hell. Auf dem Westgleis ist der Bummelzug angekommen. Scharen von Schulkindern strömen zu den Bussen. Wer in Bardowick oder Radbruch wohnt, muss etwas früher aufstehen als die Stadtkinder. Am Fahrrad-Parkhaus herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Zwei Fahrrad-Parkhäuser mit insgesamt 2.100 Plätzen gibt es am Lüneburger Bahnhof. Ein drittes ist bereits in Planung.

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Ich habe genug gesehen. Aber wo ich schon so früh aufgestanden bin, möchte ich jetzt auch den Sonnenaufgang sehen. Ich entscheide mich mal wieder für den Radweg nach Bardowick – irgendwo auf dem freien Feld gibt es bestimmt den besten Blick auf die aufgehende Sonne. Und ich habe Glück. Als ich kurz vor Bardowick den Rückweg antrete, schaue ich direkt in den roten Feuerball. Jetzt bin ich aber müde und hungrig. Es ist inzwischen kurz nach acht und ich bin seit vier Stunden auf den Beinen. Einen kurzen Gedanken verschwende ich noch an McDonald’s. Oder eine Laugenbrezel und einen zweiten Cappuccino in der  Lüneria am Bahnhof? Die hat um 6.30 Uhr geöffnet, und da sah es eben auch verdammt gemütlich aus. Auch Anna’s Café macht bereits um 8 Uhr auf. Die Vernunft siegt, zuhause wartet frisch gebackenes Brot.

Früh aufstehen ist so toll! Wenn man es nicht jeden Tag machen muss. Und wenn man sich hinterher wieder ins Bett legen kann.

* Hier findest Du einen interessanten Artikel zum Thema Pendeln aus der LZ vom April dieses Jahres mit einer Menge Zahlen und Fakten. 

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